Die Sage des Kopflosen Reiters, neu erzählt Ein Enthaupteter trifft auf einen ganz normalen Menschen. In windgepeitschter Nacht überlebt dieser die Begegnung nicht.

Ein Ende

Der Zug fährt donnernd ein wie der Wind unter die Bäume. Der Wind fährt in einem Zug unter die Bäume. Vor seiner Macht verneigen sie sich, in seiner Macht stehen sie. Rauschend fährt er in sie. Berauscht schwingen sie hin und zurück, torkelnd stehen sie noch. Schattenschwadronen – Wolken – erobern den Tag, versteinern den Wald. Die Nacht soll kommen, heisst es, mit der Dunkelheit.

In der Dämmerung, im Nebel des stosshaft atmenden Tages, erscheint es glaubhaft. Jetzt erscheint er wirklich. Er erscheint. Gross ist er. Alleine steht er auf dem Platz, den der Wind leergefegt hat. Einzelne gefallene Blätter schlittern leise kratzend an ihm vorbei ohne ihn zu berühren. Der Wind fährt mit dem Zug donnernd unter die Bäume. Nichts weicht zurück. Alles steht.

Ein Verirrter verzweifelt.

Ein Verirrter tritt ihm gegenüber. Verzweifelt sucht er das Gesicht des Grossen. Der Neue erkennt nur den Wind, der mit dem Zug unter die Bäume und unter die Erde fährt. Vom eigenen stimmlosen Donnern gerührt bleibt er, wo er steht. Die Gestalten schwingen wie die Bäume vor und zurück einander zugewandt.

In ihren Regenmänteln stehen sie. Ihre Mäntel umgeben sie. Mantelenden schlagen Haken vor den Stössen des stürmenden Windes. Dann peitschen sie den fliehenden Wind, die Mantelspitzen geben ihm die Sporen und er bäumt sich donnernd auf, tänzelt und rast im Kreis. Still in alledem bleiben die Ummantelten.

Schliesslich bricht die Nacht den kopflos reitenden Mänteln das Genick, sie nimmt ihnen ihr Ross, den Wind. Dem Wind nimmt sie den Zug, gibt ihm die Erinnerung an die Ruhe über Wipfeln. Die Mäntel hängen, die Blätter liegen; erhängt und offen erlegt hat die Nacht. Der Grosse steht mächtig dem Verzweifelten entgegen. Der Unheimliche gegen den Mann.

Der Grosse steht mächtig dem Verzweifelten entegegen.

In die vom Donner verlassene Stille haucht der Grosse: „Du hast dich mir versprochen, Mensch, versprochen und gegeben.“ Der Mächtige hat Recht, der Mächtige macht richtig, was sagenhaft scheint, das macht er gewiss. Diese Gewissheit bedrängt den schmächtigen Mann. Er schreit, in den Hauch des Grossen. Dann erinnert sich auch sein Atem an die Ruhe, die nach allem kommt. Und er stürzt sich auf den Grossen.

Der Mächtige bleibt, wo er steht, auf dem Platz über den der Wind gedonnert ist. Die Faust des schmächtigen Schlägers schleudert seinen Hut vom Kopf. Ist das Männlein denn stärker als der donnernde Wind? Nein, niemals, haucht der Grosse, nie obsiegt der Mensch.

Nie obsiegt der Mensch.

Der knochenbleiche Hut des Unheimlichen fällt. Zu schnell fällt er und liegt. Pfeifend wie der alles vertrocknende Föhn, atmet das Männlein aus und starrt. Starrt auf den Mächtigen, dessen baumdicke Schenkel, dessen aststarke Arme, dessen knorrige Schultern und auf den blutigen Stumpf, auf die nasse Wunde, wo fehlt, was sein müsste, wo nicht mehr ist, wo nur erstarrter Wind ist – Der Fürchterliche hat keinen Kopf.

Die Faust des Schlägers sinkt, nicht schnell aber in einer Linie wie ein fallendes Beil. Das Männlein starrt auf den blutigen Stumpf, nur kurz diesmal, und sinkt zusammen, nicht schnell, aber leise wie ein knochenbleicher Strohhut. Ein Strohhut gleitet in der Stille, die die Nacht über das Donnern des Windes gelegt hat. Behutsam in die Knie sinkend, setzt das Männlein auf dem Grund des Platzes auf, versunken in seinem in Falten zerfliessenden Mantel.

Ein letzter, dürrer Atemzug verglast seine Augen. Sie spiegeln die Leere, das Fehlen, die Schwärze des Himmels.

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