Sie sitzt im Zürcher Tram und beobachtet die Leute. Sofort fällt ihr ein Mann auf, ein sehr dicker Mann, ein Mann, der ungehörig breit ist. Sie erzählt lebhaft, ihre Arme bezeugen die enormen Ausmasse des Zürcher Tramfahrers. «Er hatte keinen Nacken, dieser Mann. Die Schultern gingen direkt in den Kopf über.» Als er aussteigt, würde Donna Leon, wie Commissario Brunetti, dem Sonderbaren am liebsten nachsteigen, um herauszufinden, was es mit dem fehlenden Hals auf sich hat. Nur ihr schwerer Koffer überwiegt die Neugier. Die Schriftstellerin bleibt also sitzen im Zürcher Tram.

Literatur im Leben

Der breite Mann aber verfolgt sie, bis ein befreundeter Arzt schliesslich eine mögliche Erklärung liefert: Ein sehr seltenes Syndrom, welches bei übermässigem Alkoholkonsum oder Drogenmissbrauch auftritt. Es ist dies eigentlich unnützes Wissen. Für Donna Leon aber sind solche vordergründig belanglosen Fakten jeweils Einstiegspunkte in die Abenteuer Guido Brunettis. Als Schriftstellerin macht sie real Triviales literarisch interessant. Der von Donna Leon geschaffene Commissario wird in seinem nächsten Fall ganz zu Beginn mit dem Mann aus Zürich konfrontiert werden. Im Roman wird der Mann aus Zürich tot sein. Erste Szene: Autopsie. Commissario Brunetti wird herauszufinden versuchen, wo in aller Welt er den Toten schon einmal gesehen hat. Hier lässt die Erzählerin die Stimme absinken, bis sie, tonlos geworden, Brunettis Selbstgespräche wiedergibt: «Ich weiss, dass ich ihn schon irgendwo gesehen habe, doch wo nur? Wo?», flüstert sie. Ohne Warnung ist die Stimme wieder da, die volle, jugendliche Stimme der Donna Leon, und reisst den Hörer aus der Welt Brunettis. «Die Lösung des Falles», schliesst sie, «liegt in Brunettis Erinnerung.»

«Il Gazzettino»

In den Augen des Europäers mutet sie kindlich an, die ausgewanderte Amerikanerin. Bevor wir sie ablichten können, ist die «Tiernärrin», wie sie sich selbst bezeichnet, auf der Suche nach Eseln um die Ecke verschwunden. Beim Shooting erzählt sie davon, dass sie in einem Zoo gerade zur Patin erkoren worden sei. Dass sie sich da aber zuerst hätte kundig machen müssen, denn eigentlich sind Paten ja für die geistliche Führung ihrer Patenkinder verantwortlich. Was schwierig ist, zumal das Patenkind in ihrem Fall ein Tier und die Patin selbst nicht religiös ist. Einige Zeremonien lebt aber auch Donna Leon. So liest sie jeden Morgen in feierlichem Unernst die Zeitung «Il Gazzettino». «Schönster Journalismus übrigens», schwärmt sie, während unser Fotograf Bilder von ihr macht. Auf den hinteren Seiten der legendären Tageszeitung aus Venedig finden sich Geschichten mit Hang zum Grotesken. Eine Fundgrube biblischen Ausmasses für die Krimiautorin.

Rohstoff für Romane

Im «Gazzettino» fand sie die Geschichte der arabischen Frau, die ihren Mann ermordet und sein Herz gegessen haben soll. Donna Leon legt eine Kunstpause ein und lächelt verhalten. Die Frau sei verdächtigt worden, das Fleisch für ein traditionell arabisches Gericht verwendet zu haben. Der «Gazzettino» habe das Gericht erklärt, mitsamt der gängigsten Ingredienzen und Zubereitungsarten. «Sehr journalistisch korrekt», lacht die Erzählerin, die solche Geschichten zu Krimis verfeinert. Anekdote um Anekdote gibt die 67-Jährige mit jugendlicher Erzählfreude zum Besten. Bis der Fotograf sie zum Ernst gemahnt. Für die Bilder legt sie ihr Gesicht in Falten und schaut grimmig drein. Es ist nur gespielter Ernst.

Eine glückliche Frau …

Sie habe wohl das «happy gene», das Gen der Glücklichen, sagt die Krimiautorin. Sie ist meist glücklich, vor allem, weil sie selbst «sehr tiefe Ansprüche ans Leben stellt». Etwas gute Musik, eine packende Gedichtzeile oder ein Gespräch unter Literatur-Liebhabern reichen, damit ihre Welt in Ordnung ist. Von sich selbst verlangt die Autorin vollen Einsatz bei ihrer Arbeit, aber eine weltberühmte Krimiautorin wollte sie eigentlich nie werden. Sie hatte nie die Ambition, berühmt zu werden.

… als Begleitschutz

Zum ersten Mal kommt Donna Leon nach Italien, nachdem sie das amerikanische College abgeschlossen hat. Eine Bekannte suchte damals eine Freundin, die sie ins Reich der Römer begleiten würde. Die Eltern der Freundin waren besorgt und wollten ihr Kind nicht ganz ohne Begleitschutz in die Fremde ziehen lassen. Donna Leon sagte sich «why not», warum nicht, und nahm die Begleitmission an. Nach langen Wanderjahren, in denen sie mal im Iran, mal in der Schweiz, mal in Saudi-Arabien, mal in China als Englischlehrerin tätig war, liess sie sich schliesslich endgültig in Venedig nieder. Nicht, weil sich die Stadt so gut als Vorlage für Krimis eignet, sondern weil ihre Freunde dort leben.

Ein höfliches Nein

«Amerika hat sich stark verändert» in den letzten Jahren, so Leon. Wie in primitiven Völkern seien grosse Kreise der amerikanischen Bevölkerung nicht für Vernunft und Logik zugänglich. Die engagierte Intellektuelle empört sich über die Kreationisten, welche in ihrer Heimat erfolgreich dafür plädieren, dass die Welt vor 7000 Jahren von Gott geschaffen wurde. Sie schüttelt den Kopf. «Ich wäre höflich zu diesen Leuten, würde aber nicht mit ihnen reden.» Wenn nun sogar der Präsident der Vereinigten Staaten trotz überwältigenden wissenschaftlichen Belegen daran glaubt, dass Gott die Welt geschaffen habe, «kann ich dort unmöglich leben», argumentiert Donna Leon. Sie hat sich in Rage geredet. Das sei, wie wenn der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki den Zusammenhang von HIV und Aids verneint: «Sehr, sehr gefährlich.» Donna Leon unterbricht sich. «Wir könnten jetzt auch noch den Papst und die kleinen Jungs diskutieren. Ein weiteres meiner Lieblingsthemen», schlägt sie halb ernst vor und Schalk blitzt aus ihren Augen.

Zu frei für eine Familie

Donna Leon hat ihr Heimatland also mit Bestimmtheit hinter sich gelassen. Aber selbst heute, nachdem sie bald dreissig Jahre in Venedig wohnhaft ist, will die Weltenbummlerin jeden Morgen aufwachen und frei sein, packen und aufbrechen können. Deshalb hat sie auch nie selbst eine Familie gegründet. Sie ist «zu unbeständig». Muss ungebunden sein. Sobald jemand ihr sagt, was sie tun und was sie besser lassen soll, fühlt sie sich in ihrer Freiheit bedroht. Selbst wenn die Ratschläge gut gemeint sind, selbst wenn sie weiss, dass ihr Ratgeber richtig und sie falsch liegt, selbst dann will sie sich partout nicht sagen lassen, was sie zu tun hat. Ob die wahre Liebe nie angeklopft habe? Anstatt eine Antwort zu geben, singt die Schriftstellerin die ersten Akkorde einer amerikanischen Liebesschnulze. Und wird mit einer eleganten Handbewegung, der befehlenden Geste einer Dirigentin, wieder ernst. «Liebe ist», sagt die Schriftstellerin, «wenn du den anderen wichtiger nimmst als dich selbst, wenn du für den anderen auf Dinge zu verzichten bereit bist.»

Liebe zur Musik

Donna Leon liebt Barockmusik und verzichtet dafür auf den musikalischen Mainstream. Sie leidet unter Popkünstlern, die «die Noten einfach nicht treffen». Die Musikkennerin gibt dabei offen zu, dass sie zu wenig weiss über die Musik der Massen. Sie selbst schwärmt für die barocke Klassik. Musik aus dem 18. Jahrhundert im Zeitalter von Lady Gaga? Das ist kein Widerspruch für eine Frau, die nach Möglichkeit bei jeder Probe der Opernsänger in Ernen dabei ist. Popkünstler sind wie 12-Ton-Musik. Ihr wohlerzogenes Ohr versteht beides nicht. Stattdessen versucht die Botschafterin der barocken Klänge ihr Gegenüber für das Freitagskonzert im Musikdorf Ernen zu gewinnen. «Die Stimme von Karina Gauvin», und vor Bewunderung verschlägt es ihr die ihre, «ist grandios, einfach wunderbar.» Der Enthusiasmus dieser Frau ist ansteckend.

Zeigen statt predigen

Sie überzeugt, ohne es zu wollen. Lehrt, ohne Absicht. «Nein», ruft sie entrüstet aus, «ich will meinen Lesern nichts beibringen. Leser sind selbst dafür verantwortlich, was sie aus meinen Romanen mitnehmen.» Sie für ihren Teil beschränke sich darauf, zu unterhalten. Wie ein amerikanischer Radiosprecher bewirbt sie sich selbst: «Donna is my name and entertainment is my game.» Immer «tongue in cheek», also mit einem Lachen auf den Stockzähnen. Konsequent ist, dass sie nicht belehren möchte. Weil sie selbst keine Weisungen von oben herab empfangen möchte. Konsequent ist auch, dass sie nicht nur davon spricht, dass sie mit allen Menschen gleich umspringt. So erhalten Fotograf wie Journalist, als wären es alte Bekannte, zum Abschied zwei Baci auf die Wange. Und staunen ob der Liebenswürdigkeit dieser mörderischen Schriftstellerin.

Artikel erschien erstmals im WB-Extra, dem Magazin des Walliserbote.

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