Wer vor 300 Jahren mit seinen Maultieren von Innsbruck an den Comer See wollte, passierte Guarda im Unterengadin auf 1653 Metern über Meer. Mit den Händlern, die in den Herbergen Unterschlupf fanden, kamen neue Bräuche ins Dorf. Gleich­ zeitig zog es viele Einheimische in die Ferne, wo sie sich ein leichteres Leben erhofften.

Guarda war damals wie heute ein Ort der Wandervögel, die man hier Randulins nennt. Die Spuren dieses Kommens und Ge­ hens sind sichtbar. Theresa Grey deutet auf ein Engadiner Haus an der alten Strasse und er­ zählt, wie dort früher Waren umgeladen und Lasttiere gewechselt wurden. Seit sieben Jahren begleitet die kulturhistorische Führerin regelmässig Besucher aus dem Unterland durch das Dorf. Heute frösteln die Gäste im Schatten der dicken Mauern Guardas.

Mit der Glocke gegen den Winter

Theresa Grey führt die Gruppe weiter zu einem der zahlreichen Plätze in Guarda, an dem es sonniger ist. «Das Leben spielte sich draussen ab», schildert sie. Auf dem Platz tra­ fen sich die Leute, holten Wasser oder feierten. Hier wird auch der Chalandamarz ausgetra­ gen. Der Brauch wurde durch den «Schellen­ Ursli» weit über das Engadin hinaus bekannt – und ist immer noch beliebt.

Jeweils am ersten März ziehen die Jun­ gen in Reih und Glied um die Brunnen und Häuser Guardas. Wie in der Geschichte von Selina Chönz und Alois Carigiet trägt der Älteste die grösste Glocke. Anders als im Kinderbuch sind die grössten Glocken aber so schwer, dass die Buben sie abwechselnd tragen und alle einmal an die Reihe kommen. «Es muss also niemand auf die Alp, um an die grösste Glocke zu kommen», beruhigt Theresa Grey die anwesenden Eltern. Beim Chalandamarz geht es darum, mit Geläut und Gesang den Winter auszutreiben. Ursprünglich war das Ziel jedoch ein anderes. Der Glockenklang sollte das Wasser in den Brunnen und in den Quellen nach dem Winter wieder zum Sprudeln bringen.

Krumme Striche an der Wand

Von der Bedeutung des Wassers zeugen auch die traditionellen Dekorationen an den Häusern Guardas. Die Verzierungen über­ liefern Ahneninformation, Religiöses oder Lebensweisheiten. Hie und da lenkt Theresa Grey die Blicke auf die Symbole für Wasser und Erde: Meerjungfrau und Drache. Vor einem dieser Fassadendrachen treffen wir Josin Neuhäusler – einen Maler und Gipser, der Sgraffitokurse gibt. «Das Wort Sgraffito kam wie die Technik mit den Randulins aus Italien und bedeutet ‹Kratzen›», erklärt er. Sgraffito­ künstler kratzen ihre Motive in die äussere von zwei Schichten Kalkverputz. «Dabei kommt es nicht auf Exaktheit an», verrät Josin Neuhäusler. Stattdessen gilt: «Der krumme Strich ist richtig.» Denn ein Sgraffito lebt vom Effekt, der entsteht, wenn die Sonne sich in den unregelmässigen Vertiefungen bricht. «Faszinierend ist», betont Neuhäusler, «dass es die Sgraffiti in Guarda nach 400 Jah­ ren noch gibt.» Die Meister verarbeiteten alle Schichten nass in nass, sodass sie in einem Mal zusammen aushärteten. Dadurch werden die Schichten einer Mauer zu einem steinharten Ganzen, das Jahrhunderte übersteht.

Wir weichen einem Pferdegespann aus und kommen zur Chasa 59. Theresa Grey deutet auf eine ebenfalls verzierte würfelartige Auswölbung. «Ursprünglich backten die Frau­ en hier Brot, allerdings nur einmal im Jahr.» Mit der Rückkehr der Guardaner, die sich in Italien als Zuckerbäcker verdingten, änderte sich allerdings der Geschmack im Dorf.

Nüsse aus Italien

Wie zur Bestätigung mischt sich ein Hauch von frisch gebackenem Kuchen unter den würzigen Geruch der Holzfeuer. Die Ge­ meindepräsidentin Maria Morell lässt einen Biscuitboden bei offenem Fenster auskühlen. Sie begrüsst uns herzlich. «Durch die Randu­ lins wurde süsser und immer öfter gebacken.» Auch die Nüsse für die Nusstorte seien wahr­ scheinlich auf den Schultern der Wandervögel ins Tal gekommen. «Weil Nüsse leicht und nahrhaft sind, lohnte sich die Mühe.» Heute sind es touristische Wandervögel, die Leben nach Guarda bringen. Wenn sie etwa im Krei­ se der Arbeitskollegen Trockenmauern restau­ rieren. «Die Unterländer sehen das als team­ bildende Massnahme», schmunzelt Maria Morell. Oder wenn sie auf dem Schellen­Ursli­ Weg der Kindergeschichte nachgehen. Oder einfach einmal Ruhe suchen.

Auch sie sei ein Randulin, bemerkt Theresa Grey zum Schluss. Als Jugendliche ging sie nach Amerika und kehrte vor sieben Jahren zurück ins Engadin. Guarda freut es. Denn mit jeder Rückkehr kommt etwas Neues ins alte Dorf der Randulins.

Erstmals erschienen im UBS-Magazin.

Guarda - Dorf der Wandervögel.

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