Texte Redigieren ist immer auch eine zwischenmenschliche Aufgabe.
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Ganz klar: Jeder – egal ob Profi, Hobby-Literat oder Teilzeit-Epiker – schreibt genau richtig, Kritik ist immer ein persönlicher Angriff aufs Schreiber-Ego.

Die Prinzipien des Golden Circle räumen deshalb als erstes das grösste Hindernis im Dialog zwischen Inhaltsverantwortlichen und Textenden aus dem Weg: Die Emotionen.

  • Warum: Redakteure arbeiten für die Lesenden. Sie nehmen ihnen Arbeit ab, indem sie Texte einfacher machen, schneller verständlich, besser strukturiert und markenkonform.
  • Wie: Redigierende streichen Füllwörter, erklären Fachwörter, recherchieren Fehlendes nach, setzen Zwischentitel ein, schreiben aktiv, vermeiden Nominalstil.
  • Was: Sie verändern, was den Text für Lesende (und mit Corporate Wording und Voice of Tone für die Marke) besser macht. Nicht mehr und nicht weniger.

Redakteure arbeiten nicht gegen Inhaltsverantwortliche. Sie arbeiten für ihr Publikum.

Beginnen Redigierende und Verfasser ihren Dialog mit der Warum-Frage – und einer verständlichen Antwort darauf – ist es sehr viel unwahrscheinlicher, dass Edits als Angriffe wahrgenommen werden. Stimmt erst die Gefühlslage, ist der Weg frei für sachlichere Argumente.

Checklisten und Routinen erlauben eine sachliche Diskussionen über die Qualität eines Textes: Sie helfen Redakteuren dabei, ihre Arbeit möglichst gut zu machen und erleichtern es Nicht-Profis Textarbeit als gutes oder nicht so gutes Handwerk einordnen zu können.

Fünf Redigier-Routinen

1. Das grosse Fragen

  • Verstehen, was da steht: Redakteure nehmen Lesenden Arbeit ab. Oft bringen Lesende nicht die Geduld oder die Motivation mit bis zum Schluss zu lesen und sich Dinge zusammenzureimen oder nachzuschlagen, um zu verstehen, was da steht.
  • Autoren reden statt schreiben lassen: Als Redakteur nutze ich jede Gelegenheit Autoren erzählen zu lassen, was sie aufgeschrieben haben. In ihren Nacherzählungen offenbaren sie nicht nur, was sie eigentlich hätten schreiben wollen. Sie zeigen auch, wie sie wirklich sprechen. Für Profis sind dies Steilvorlagen fürs Schreiben authentischer und relevanter Passagen.
  • Warum, warum, warum: Oft steht nichts drin in den Texten, die ich zu redigieren habe. In diesen Fällen gibt es zwei Möglichkeiten: Den Text orthographisch und grammatikalisch passabel machen. Oder: Den Grund für den Leertext suchen. Am besten geschieht dies durch Fragen: Warum haben Sie dies geschrieben? Wozu dient die Passage? Warum würden Sie den Abschnitt lesen wollen? Entweder geben Autoren valable Antworten auf diese Fragen, womit wir arbeiten können. Oder sie geben den Text auf. In diesem Fall schlagen Redigierende alternative Textideen vor.

2. Grobes korrigieren

  • Aufräumen: Fehler in Rechtschreibung und Grammatik sind in fremden Texten meist offensichtlich und ohne grossen Aufwand korrigierbar. Ausserdem dienen grammatikalische und orthografische Fehler als objektive Argumente, wenn der Bedarf oder die Kosten einer Überarbeitung gerechtfertigt werden müssen.
  • Nachrecherchieren: Oft setzen Inhaltsverantwortliche voraus, dass Lesende ebenso vertraut mit der Materie sind wie sie. Abkürzungen, Jargon, Spezialausdrücke, Internes: Unverständliches will für ein ungeduldig-übersättigtes Publikum nachrecherchiert werden.
  • Schätze heben: Fast jeder Text birgt einen ungehobenen Schatz, den Kern einer guten Geschichte oder ein tolles Zitat. Nur selten stellen nicht geschulte Autoren diese Schätze in den Vordergrund. Als Redaktor versuche herauszufinden, was das Wichtigste, Tollste oder Schönste an einem Text ist. Und: Ich mache Vorschläge, wie es besser herausgearbeitet werden könnte.
  • Struktur finden: Gerade bei Texten, die für den digitalen Gebrauch bestimmt sind, ist eine scannbare, feingliedrige Struktur entscheidend für den Erfolg. Nicht selten enthalten Rohtexte implizit bereits eine Struktur. Eine Redaktorin macht diese impliziten Strukturen explizit. Dazu nutzt sie Abschnitte, Titel und Zwischentitel, Zitate und multimediale Inhalte.

3. Fein-Tuning, Feedback, Iteration

  • Kritik ernst nehmen: Kunden kennen ihr Business besser als Textarbeitende. Redakteure tun deshalb gut daran, auf die Kritikpunkte des Klienten einzugehen und das Feedback in ihre Änderungsvorschläge aufzunehmen.
  • Alternativen anbieten: Passt eine Textlösung einem Klienten nicht ins Konzept, hilft es oft nicht weiter, auf die Vorteile der gewählten Lösung zu pochen. Oft effizienter ist es, die Vor- und Nachteile verworfener Lösungen darzustellen. Wenn nötig bis hin zur schlechtmöglichsten Variante. Die präsentierten Varianten ermöglichen Verantwortlichen einen qualifizierten Entscheid: Statt zu akzeptieren, was ein Profi vorschlägt, wählen sie die Variante, die sie für die beste halten. Für Redigierende ist der Wunsch nach Alternativen eine Möglichkeit, als kompetente Fachpersonen aufzutreten und das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.

4. Generalprobe: Vorlesen

  • Laut vorlesen: Was für Inhaltsverantwortliche gilt, ist auch für Textende nicht verkehrt. Einen Text vorzulesen (oder vorlesen zu lassen) offenbart grammatikalische und stilistische Ungereimtheiten wie keine andere Methode. Wo Vorlesende stolpern, zögern oder falsch intonieren liegen Passagen, an denen noch gefeilt werden muss.
  • Stil bewahren: Vorlesen zeigt auch, ob der editierte Text dem Charakter der Inhaltsverantwortlichen noch entspricht. Würde die Inhaltsverantwortliche dies so geschwollen sagen? Würde sie wirklich so lange um den heissen Brei reden? Passt das gewählte Vokabular zur Autorin? Natürlich setzen die Lesbarkeit, die Grammatik und das Corporate Wording dieser Text-Personalisierung Grenzen. Aber oft wirkt bereits ein Zitat Wunder. Texte, die ihren Urhebern entsprechen, sind glaubwürdiger und zeigen Kunden, dass ihre Stimme gehört wurde.

5. Distanz gewinnen

  • Wait. Before. You. Publish. Einmal drüber schlafen: Das ist meine Regel. Zu schnell gehen Unachtsamkeiten beim ersten Redigieren durch die Lappen. Eine Nacht zwischen zwei Edits bringt die nötige Distanz zurück und zeigt vorher übersehene Fehler sind plötzlich ganz offensichtlich. Die Lektion für Auftraggebende: Geben Sie Redigierenden etwas mehr Zeit. Warten lohnt sich garantiert.

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